Akzeptanzbeschaffung durch ein Auswahlverfahren

Aus Morsleben

Wechseln zu: Navigation, Suche

Interview mit BfS-Präsident Wolfram König im Tagesspiegel

2008-07-17
Atommüll-Endlager:  "Glaube ersetzt keine Sicherheitsanalyse"
-----------------------------------------------------------
Chef des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, fordert
Endlagersuche nach Schweizer Vorbild. Dort haben die Bürger volle
Einsicht; außerdem gibt es verbindliche Kriterien.  

Herr König, wie viel radioaktive Abfälle sind bisher schon angefallen?

Bis Ende 2007 gab es schon rund 12 500 Tonnen abgebrannte
Brennelemente. Ein Teil davon ging bis 2005 in die
Wiederaufarbeitungsanlagen von La Hague und Sellafield. Diese stark
strahlenden und heißen Abfälle enthalten 99,9 Prozent der
Radioaktivität, die insgesamt in den in Deutschland zu entsorgenden
Abfällen enthalten ist. Hinzu kommen gut 120 000 Kubikmeter Abfälle,
die schwach- und mittelaktiv sind.      

Wo lagert all das bisher?

Die schwach aktiven Abfälle lagern großteils im bundeseigenen
Forschungszentrum Karlsruhe. Die Industrie lagert außerdem rund 40
000 Kubikmeter an verschiedenen Standorten. Für den hochaktiven Müll
gibt es die großen Zwischenlager in Gorleben, Aahaus und Lubmin und
die Lager an allen Kraftwerksstandorten, die nach dem Atomkonsens von
2001 errichtet wurden.     

Wie sicher sind diese Lager? Sind sie gegen Terrorangriffe geschützt?

Wir haben durchgesetzt, dass die neuen Lager für die Brennelemente
auch dem Aufprall großer Passagiermaschinen so weit standhalten
müssen, dass keine katastrophalen Auswirkungen die Folge sind.

Wie viel Atommüll würde zusätzlich entstehen, wenn die Laufzeit der
Atomkraftwerke um zehn Jahre verlängert würde? 

Pro Atomkraftwerk und Jahr ist mit bis zu 30 Tonnen hochaktivem
Abfall zu rechnen. Mit dem vereinbarten Ausstieg fallen bis zur
Abschaltung des letzten Kraftwerks noch rund 4600 Tonnen zusätzlich
an. Eine Verlängerung der Laufzeiten um zehn Jahre würde diese Menge
auf etwa 9000 Tonnen verdoppeln.    

Der Atommüllberg wächst schon seit vier Jahrzehnten. Aber noch immer
haben wir kein Endlager. Sind andere Länder weiter? 

Noch hat kein Land der Welt ein Endlager für hochaktive Abfälle. Am
weitesten fortgeschritten sind die Pläne für ein Lager in
Granitgestein in Finnland. Auch Schweden sucht in Granit, Frankreich
und die Schweiz in Tongestein. Deutschland hat bisher nur die
mögliche Lagerung im Salzstock von Gorleben gründlicher erforscht.
Über das Vorhandensein weiterer potenziell geeigneter
Gesteinsformationen aus Granit, Ton und Salz wurden Studien erstellt.
Aber eine vergleichende Prüfung verschiedener Standorte nach dem
Stand von Wissenschaft und Technik hat bisher nicht stattgefunden.        

Was spricht denn gegen den weitgehend erforschten Salzstock in
Gorleben? 

Erstens ist der Salzstock noch nicht abschließend erkundet. Zweitens
erfordert eine Abschirmung der hochradioaktiven Abfälle von der
Umwelt für eine Million Jahre den in Deutschland bestmöglichen
Standort, um auf der sicheren Seite zu sein. Bei Gorleben gab es nie
einen systematischen Standortvergleich mit vorher festgelegten
Sicherheitskriterien. Es fehlte auch eine Öffentlichkeitsbeteiligung,
wie sie sogar für jeden größeren Straßenbau heute vorgeschrieben ist.

Die große Koalition hat versprochen, in dieser Legislaturperiode eine
„Lösung“ für das Problem zu finden. Aber es geschieht nichts. Wer ist
schuld am Stillstand?  

Die Unionsparteien stellen sich strikt gegen ein Auswahlverfahren,
das mehrere Standorte einschließlich Gorleben vergleicht. Manche
behaupten, es gebe keine technischen Probleme mehr, nur noch
politische. Aber das ist falsch. Selbst wenn wir heute die Erkundung
weiterführen, wüssten wir erst mit einem Planfeststellungsbeschluss
in 15 Jahren, ob der Salzdom von Gorleben wirklich geeignet ist.     

Aber die Chancen dafür stehen gut, oder?

Selbst wenn es so wäre, ist völlig offen, ob dieses Verfahren am Ende
auch vor den Gerichten Bestand hat. Klagende Bürger könnten immer
darauf pochen, dass es besser geeignete Standorte gebe, diese aber
nicht untersucht wurden. Im schlimmsten Fall hätten wir dann nach 20
Jahren einen geologisch geeigneten Standort, der aber wegen
Verfahrensmängeln nicht genehmigt werden kann. Ich appelliere daher
dringend an die Politik, ein Suchverfahren zu starten, wie es etwa
die Schweizer machen.       

Wie läuft es dort?

Die Schweizer Behörden haben vorher klare Sicherheitskriterien
definiert, die den Maßstab setzen, an dem alle infrage kommenden
Standorte gemessen werden. Außerdem haben die Bürger volle Einsicht,
sogar für Betroffene aus den Nachbarländern ist das Verfahren offen.
Nur so kann man auch die Bürger dafür gewinnen. In Gorleben wurde
viel Vertrauen verspielt, weil zuerst der Standort bestimmt wurde und
dann erst die Sicherheitsanforderungen. Für die notwendige Akzeptanz
in der Bevölkerung ist auch der Atomkonsens entscheidend, weil die
Begrenzung der Laufzeiten auch die Abfallmengen begrenzt. Wachsen die
aber fortwährend weiter, ist eine breite Zustimmung schwer zu
erreichen.          

Eine Art illegales Endlager haben wir ja schon, das alte Salzbergwerk
Asse, wo bis 1978 schon 125 000 Fässer mit Atommüll abgekippt wurden.
Jetzt droht das Bergwerk abzusaufen. Wie gefährlich ist das?

Das müssen das Aufsicht führende Umweltministerium in Niedersachsen
und der Betreiber, das Helmholtz-Zentrum München beurteilen.
Offiziell handelt es sich ja nur um ein Forschungsbergwerk, für das
der Bundesumweltminister und meine Behörde nicht zuständig sind. Wir
beteiligen uns aber an der Untersuchung von verschiedenen Methoden
zur Stabilisierung der Grube, so dass auch die mögliche Rückholung
des Abfalls geprüft werden kann. Ob eine solche Bergung am Ende einen
sicherheitstechnischen Vorteil gegenüber der vom Betreiber
vorgesehenen Flutung bringt, lässt sich jetzt noch nicht sagen        

Der Bevölkerung ist 30 Jahre erzählt worden, es könne gar nichts
passieren. Jetzt heißt es, wir wissen es nicht so genau. 

Da wurde Glaubwürdigkeit verspielt. Beim Endlager für den hochaktiven
Abfall ist dies nur durch ein wirklich offenes Verfahren
wiedergutzumachen. Darum sind Behauptungen, die Eignung oder
Nichteignung von Gorleben sei schon bewiesen, nicht hilfreich. Da
werden auf beiden Seiten Sicherheitsanalysen durch
Glaubensbekenntnisse ersetzt. Außer weiterem gegenseitigem Misstrauen
werden wir damit nichts erreichen.      

Wolfram König (50) ist seit 1999 Präsident des Bundesamtes für
Strahlenschutz in Salzgitter, das die Lagerung von Atommüll überwacht. 

Quelle / Originallink:
http://www.tagesspiegel.de/politik/div/Atommuell-Endlager;art771,2573616 


Anmerkungen

  • bei der Frage nach Atommüll-Lagern in Deutschland verschweigt König das Endlager Morsleben, das schließlich in seiner Verantwortung liegt
  • erkennbar ist, dass das "Auswahlverfahren", das für die Endlagersuche eingesetzt werden soll, der Befriedung des Widerstands gegen Atomkraft dienen soll - Akzeptanzbeschaffung ist das Hauptstichwort. Beim angeführten Beispiel Schweiz wird hervorgehoben, dass dort das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen worden sei - was nicht ganz stimmt. Die Öffentlichkeit hatte mehr Einflussmöglichkeiten als dies bei der Standortfestlegung in der BRD auf Gorleben der Fall war. Aber trotzdem geschieht auch dort kein gleichberechtigter Entscheidungsprozess; Beteiligung statt Mitbestimmung wird praktiziert; Werbestrategien stehen im Vordergrund.
Persönliche Werkzeuge